Jene die mich persönlich kennen wissen was Totalverweigerung ist und warum ich das 2002 gemacht hab, alle anderen dürfen erstmal bei der Wikipedia nachlesen: Totalverweigerung.

Warum Totalverweigerung

Es hat natürlich jeder seine eigenen Gründe, egal ob man als Bürger der DDR die Westdeutsche Armee als Besatzerarmee ansieht der man partout nicht dienen will (siehe Ringo Ehlert) oder aufgrund der rechtlichen Gegebenheiten befürchtet auch als Zivi im Kriegsfall eine wichtige Rolle zu spielen oder die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau damit verletzt wird. Mein Grund war den Staat dazu zu motivieren endlich fundamentale Änderungen in der Wehrmachtnachfolgeorganisation (aka Bundeswehr) vorzunehmen, nicht nur um sich an die heutigen außenpolitschen Gegebenheiten anzupassen sondern auch um Fehlentwicklungen in der Pflege Bedürftiger, ein Bereich in dem viele Zivis eingesetzt werden, zu beheben.

Ablauf der Totalverweigerung

Wie verweigert man sich etwas vollständig? Nun, man kann erstmal die netten Briefe des Wehrersatzamtes ignorieren, wird dann von der Polizei zur Musterung gebracht. Das war mir zu stressig und daher bin ich da lieber freiwillig hin und wurde prompt T2 gemustert, warum auch immer. Als nächstes wird man einen Einberufungsbefehl erhalten. Den kann man auch ignorieren und wird dann nach ein paar Tagen von Feldjägern abgeholt. War mir auch zu stressig daher war ich am 1. Juli 2002 kurz nach acht Uhr morgens in der General Konrad Kaserne an (zum Namenspatron: Aus einem Tagesbefehl von Januar 1942 des Generals der Gebirgstruppe Rudolf Konrad: „Dem Führer und seinem Werk gehört unsere ganze Hingabe. Wir wollen es hüten und siegreich tragen durch das neue Jahr zum Heile Deutschlands.“ (Quelle: die Kampagne).

Hab und Gut

Fernseher, Radio, Telefon (sieht man mal von dem Handy ab dass meine Schwester mal reinschmuggelte) gab's in der Arrestzelle natürlich nicht. Meine Bücher die ich mitgenommen hatte wurde mir auch gelassen bis auf das eine Mal wo ein ganz schlauer Offizier (oder war's ein Uffz? Weiß nicht mehr genau) meinte mir eine Infobroschüre zum Thema Wehrpflicht abzunehmen. Ich hab in der Zeit recht viele Krimis und Romane gelesen, meist bis in die Nacht was für meine Augen nicht so gut war wie ich dann später gemerkt habe.

Tagesablauf

Generell standen mir täglich eine Stunde Freigang (meistens am Nachmittag und nur ein oder zwei Mal vorschriftswidrig mit einem bewaffneten Bewacher), zu den Mahlzeiten wurde ich immer in die Kantine begleitet. Netterweise bekam ich täglich eine Süddeutsche, man will ja schließlich auf dem aktuellen Stand bleiben. …

Besuche

Die Besuchszeit beträgt eine Stunde in der Woche und muss vorher angemeldet werden (was meine Schwester nicht davon abhielt mich unverschämterweise doch zu besuchen). …

Rechtliches Nachspiel

Eigentlich war der Prozess auf den 21. September angesetzt, also einen Tag nach meinem letzten, absurderweise 10 Tage langen, Arrest. Da ich mich aber erst spät um einen Anwalt bemühte konnte der erfolgreich eine Verschiebung des Termins in den Dezember bewirken. Untersuchungshaft gab's keine, da war die BW vielleicht ein wenig enttäuscht, kann's nicht genau sagen. Es kann durchaus vorkommen dass man in U-Haft kommt wenn man z.B. vor den Feldjägern flieht oder sich während der Arrestzeit irgendwie anders fluchtwillig verhält. Der Prozess fand vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Laufen statt. Richter Becher, der sicher schon vorher wusste welches Urteil er mir verpasst und zwei Schöffen, eher über 50 wenn ich mich recht erinnere, saßen über meinen Fall zu Gericht. Im Publikum saß natürlich meine Mutter, Hauptmann Hartung und noch ein Uffz (der Spieß wenn ich mich recht erinnere) und ein paar junge Rekruten denen wohl vorgefürt werden sollte wie ein Queerschläger ins Zuchthaus geschickt wird. Es waren auch noch ein paar andere Prozessbesucher da die ich aber nicht kannte. Der ganze Prozess dauerte nicht lange, mir wurde eine Anklage über drei Befehlsverweigerungen vorgelesen wobei ich natürlich erstmal protestierte weil ich ja fünf Befehle verweigert hatte. Aber die anderen zwei Befehlsverweigerungen waren schon fallen gelassen worden. Es kommt wohl nur selten vor dass sich ein Angeklagter über zu wenig Anklagen beschwert, zumindest wurde die Stimmung dadurch besser. Dann kam mein obligatorisches Schuldbekenntnis, Fragen zu meinen Beweggründen und dann auch schon die Schlussplädojiers beider Seiten. Der Herr Staatsanwalt forderte in Summa sieben Monate ohne Bewährung und wir natürlich einen Freispruch. Nach etwa 20 Minuten Beratung wurde ich für schuldig erklärt und eine Strafe von 300 (in Worten: Dreihundert) Sozialstunden verhängt. Der Richter hatte diese 300 schon vorher ausgerechnet und rechnete von einer Gesamtarbeitszeit bei einem 8 oder 10 Stundentag meine Haftzeit ab und kam dadurch auf die astronomischen 300 mit denen ich zu den Schwerkriminellen zähle. Vorbestraft wurde ich nicht, es gibt da eine Grenze und die liegt vergleichsweise hoch. …

4 Responses to “Totalverweigerung”

  1. # Werbeveranstaltungen der Bundeswehr in Arbeitsagenturen « TomK32 Says:
    [...] wie mein Standpunkt zum Thema aussieht, aber ich versuch’s mal. Ich selber bin ja Totalverweigerer und hab meine Wehrpflicht boykottiert, allerdings eher weil’s ein Zwangdienst ist. Wenn jetzt [...]
  2. # A heathen, conceivably, but not, I hope, an unenlightened one. « [m.arschflugkoerper] Says:
    [...] namens Bundeswehr oder in einem als Ersatz anerkannten Bereiche verbringen wollte. Da mir zum Totalverweigerer einfach der Schneid fehlte, fiel die Wahl schnell auf [...]
  3. # Detlev Beutner Says:
    Zum Kapitel "rechtliches Nachspiel" gibt es aktuell auf http://tkdv-zittau.blogspot.com die Dokumentation eines Verfahrens, in dem die ganze Sache etwas aus dem Ruder läuft - nicht so sehr vom Strafmaß, aber vom Umgang der Justiz hinsichtlich des Verfahrensrechts...
  4. # André Vollgold Says:
    Ich bin zwar erst 14 und weiß nicht wie es in 4 Jahren ist wenn ich zur musterung gehen muss...aber wenn es noch so ist wie jetzt...Ich will nicht zum Bund...ich will keine echte Waffe in den Händen halten und auch nicht schießen und schon gar nicht auf menschen... Am meißten Schiß hab ich nicht vor dem Training und auch nicht wirklich vor den Waffen weil ich damit zur Not kein Problem habe... Ich hab am meißten Schiß vor dem Gesundheitscheck... Ich habe gehört dass einem in den Arsch gefasst wird und so...auch habe ich gehört dass es viele Jugendliche sogar teilweise verstört... Ich sage ehrlich...ich gehe lieber in den Knast oder so... Kann man bei der Total verweigerung den Gesundheitscheck umgehen? Aber trotzdem danke für die Info

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